Wie eine Morgenroutine mein Leben verändert hat.

Ich sitze am Küchentisch in meinem Elternhaus, die Haare achtlos zusammengebunden, vor mir eine Tasse Kaffee mit einem Berg aus Milchschaum. Der Pullover den ich trage ist mir viel zu groß, und doch trage ich ihn jeden Morgen, denn ich mag das Gefühl das er mir gibt, gänzlich in ihm verschwinden zu können. Meine Finger trommeln auf die Tischplatte und mein Bein wippt auf und ab, doch das merke ich nicht, zu sehr bin ich damit beschäftigt die Gefühle in meinem Inneren in Schach zu halten, die sich soeben bereit zu machen scheinen, wie eine sich auftürmende Welle aus Schuld und Ohnmacht und Wertlosigkeit. Gleich wird sie über mich hereinbrechen, das weiß ich. Das tut sie jeden Morgen. Sie tut es, weil ich es will.

Ich ziehe die Kapuze über meinen Kopf, kneife die Augen zusammen und dann lasse ich sie brechen. Ich sitze einfach nur dort und während es für die Welt um mich herum aussieht, als würde ich ziemlich verschlafen eine Tasse Kaffee trinken, so wird jene in mir mit voller Wucht durcheinandergewirbelt. Es ist als würde die Gewalt dieser Gefühlswelle das Kartenhaus was ich mir jahrelang mühsam in meinem Inneren errichtet hatte, zum Einsturz bringen. Was bliebt ist Leere.

Als ich die Augen wieder öffne, hat sich der Sturm in mir gelegt. Meine Finger liegen nun ruhig auf der Tischplatte. Ich bin seltsam erschöpft, doch wie jeden Morgen merke ich am Ende: Es war richtig. Jetzt kommt die Ruhe.

 Ich trinke einen Schluck Kaffee. Morgen wird sie wiederkommen, die Welle, das weiß ich. Doch bis dahin bleibt, was sie mir lässt. Leere. Ruhe.

Und Platz für Neues.

 

Ich hatte mein Studium abgebrochen, meinen Job gekündigt und war zurückgezogen in mein Elternhaus, wo ich jeden einzelnen Morgen das tat, wovor ich mich so lange Zeit so sehr gefürchtet hatte: Eingewickelt in meinen Kapuzenpullover und mit einem Kaffee der beinahe ausschließlich aus Milchschaum bestand setzte ich mich an den Küchentisch, schloss die Augen und ließ alle Gefühle die sich in meinem Inneren aufgestaut hatten über mir zusammenbrechen. Ich tat das, weil ich mir selbst das Versprechen gegeben hatte auf die Suche zu gehen, nach dem Grund warum ich die Liebe nicht fand und der einzige Ort an dem ich bisher noch nicht gesucht hatte war mein tiefstes Innerstes.

Ich hatte als Kind Dinge erlebt, die mich in dem Glauben zurückließen, ich sei es nicht wert geliebt zu werden und mein kindliches Ich war noch immer der festen Überzeugung es trüge die Schuld an allem was im Leben meiner Familie schiefgelaufen war. Ich war damals zu dem Schluss gekommen, der einzige Weg diese Überzeugung wieder loszuwerden, sei das Gegenteil zu beweisen und so setzte ich meinen Schuldgefühlen und der Ohnmacht eine Strategie aus Disziplin und Kontrolle entgegen die nur ein einziges Ziel verfolgte:  Ich wollte anderen einen Grund geben mich zu lieben.

So blieb ich selbst im größten familiären Chaos immer eine vorbildliche Schülerin, versuchte eine gute Tochter zu sein, eine gute Schwester und je älter ich wurde, desto mehr orientierte ich mich außerdem an gesellschaftlichen Ansprüchen. Ich hielt beispielsweise strenge Diät, nur um nach wenigen Tagen des kompletten Verzichts tafelweise Schokolade in mich hineinzustopfen und mich im Anschluss scharf zu verurteilen. Dann nahm ich mir vor beim „nächsten Mal“ noch strenger mit mir zu sein, was mir natürlich nicht gelang und mir einmal mehr meine eigene Wertlosigkeit bestätigte. Ich manövrierte mich in einen Teufelskreis aus Kontrolle zwischen gefühlter Entgleisung und folgender Selbstverachtung in dem ich mich dazu zwang immer schnellere Bahnen zu ziehen. Ich schämte und verabscheute mich für das, was ich tat und trotzdem gelang es mir nicht damit aufzuhören. Im Gegenteil. Je mehr ich versuchte mich zum Aufhören zu zwingen desto zwanghafter wurde ich.

Und dann zog ich den Schlussstrich. Ich zog ihn nicht an einem einzigen Tag sondern mit vielen, kleinen Entscheidungen die mich alle in die richtige Richtung lenkten. Ich zog ihn indem ich mich traute an meinen Traum von der Liebe zu glauben. Ich zog ihn indem ich mich traute entgegen meiner Vernunft und aller Ratschläge mein Praktikum bei einem großen Frauenmagazin zu kündigen. Ich zog ihn indem ich mich hinterher traute auch noch mein Studium zu schmeißen und zurück in mein Elternhaus zu ziehen.

Und vor allem zog ich ihn jeden einzelnen Morgen als ich mich an den Küchentisch in meinem Elternhaus setzte, meinem scharfen Verlangen nach Kontrolle die Stirn bot und genau das Gegenteil tat von dem was ich so dringend tun wollte: Nämlich nichts. Rein. Gar. Nichts. Es kostete mich eine scheinbar unglaubliche Überwindung einfach dort zu sitzen und nichts zu tun und dabei zu spüren wie sich in mir diese Welle von Gefühlen aufbaute, die darauf brannte meinen Körper zu verlassen, denn oh, ich wusste, wie ich sie hätte aufhalten können. Es wäre so einfach gewesen und ich war so geübt darin. Ich hätte mir neue Pläne schaffen können, mich hinter Arbeit verstecken können oder einfach irgendetwas, bloß um nicht spüren zu müssen, wie es sich anfühlte keinen Plan zu haben. Keine Kontrolle.

Damals wusste ich noch nicht, dass diese Morgen am Küchentisch meiner Eltern mein wichtigstes Instrument werden würden, den richtigen Weg zu finden. Meinen Weg. Und damals wusste ich auch noch nicht, dass all’ diese Entscheidungen die ich scheinbar wahllos traf sich am Ende zusammenzufügen würden wie die Teile eines Puzzles dessen Bild die Erfüllung meines größten Traumes sein würde.

Doch heute weiß ich, dass es so ist und manchmal wünschte ich, ich könnte mich selbst dort am Küchentisch besuchen und mir sagen wie stolz ich auf mich bin und, dass ich nichts Besseres, nichts Wichtigeres hätte tun können. Aber das geht nicht.

Was allerdings durchaus geht, ist, dass ich es dir mitgebe. Denn auf dem Weg die Liebe zu finden oder sie wiederzufinden, gibt es kein wichtigeres Werkzeug als eben das, was ich in diesem Text beschrieben habe.

Hinsetzen.

Fühlen.

Zulassen.

Loslassen.

Denn was dann entsteht, ist Leere. Und Ruhe. Und Platz für Neues.

 

 

Damals, als ich jeden Morgen am Küchentisch meiner Eltern saß und zuließ, was ich fühlte, wusste ich auch noch nicht, dass ich diesen Prozess einmal täglich in mein Leben integrieren würde. Was sich früher für mich manchmal wirklich dramatisch anfühlte, nenne ich heute ganz einfach „Morgenroutine“. Ich habe sie ziemlich optimiert, nutze sie auch nicht mehr am Küchentisch meiner Eltern, sondern an meinem eigenen und mit wesentlich mehr Leichtigkeit und zwischenzeitlichem Windelwechseln, aber sie ist noch immer mein wichtigstes Instrument wenn es darum geht mir selbst den Raum zu geben, den ich brauche für das was mir das Wichtigste ist. Meine Liebe. Meine Träume. Und ich selbst. 

Ich weiß, diese Morgenroutine die ich hier beschrieben habe, liest sich nicht wie jene die man gemeinhin bei YouTube sieht, und die aussehen wie aus einem Werbespot für Jacobs Krönung, aber sie hat ihr Ziel definitiv mehr als erreicht: Sie hat mein Leben verändert. Und das tut sie noch heute.

Jeden Morgen stelle ich mir konkrete Fragen, die ich intuitiv beantworte und mir damit ermögliche jeden Tag wie ein neues weißes Blatt zu beginnen das ich beschreiben kann wie ich möchte. Mir geht es darum, mein Leben selbst zu bestimmen und weder meine eigenen automatisierten Verhaltensmuster noch äußere Einflüsse darüber entscheiden zu lassen, wie ich es lebe. 

Wie ich das genau tue und welche Fragen ich mir stelle – das erzähle ich dir am kommenden Donnerstag in meinem neuen Podcast. Dort stelle ich dir meine Morgenroutine vor – und falls es dir selbst schwer fällt dir eine Routine zu etablieren und dabei zu bleiben, dann habe ich mir noch etwas ausgedacht … sei gespannt. 

 

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