Momente 2020

In meiner Notiz App habe ich für 2020 genau 365 Momente gespeichert. Hier sind ein paar davon.

05.01.2020 Sonntag

Es ist unser letzter Urlaubstag und ich schwanke zwischen der Lust auf Veränderung und Neuanfang und der Traurigkeit darüber dass ab morgen wieder Alltag ist.

Abends liege ich im Bett in Franz Armen. „Ich weiß auch nicht“, sage ich. „Irgendwie fühlt es sich so an als hätten wir den Motor gestartet. Es ist ein bisschen wie auf der Achterbahn, der Moment in dem es zwar noch nicht richtig losgegangen ist, du aber ganz genau weißt, „Scheisse ich komme hier jetzt nicht mehr raus“ und dir dabei nicht sicher bist ob du das gut oder schlecht finden sollst…“. Ich spüre wie Franz nickt. Dann seufzt er tief und sagt: „Ja, so als hätten wir die meisten Steine nun aus dem Weg geräumt und langsam legt sich der Staub…“. Er küsst mich auf die Haare und ich kuschele mich tief in seine Arme. Ich weiß genau was er meint. Der Staub legt sich. Es hat längst begonnen. Alles.

 

09.01.2020 Donnerstag

Es ist Abends, ich lege Ilvie von meinem Arm in ihr Bettchen und wie immer wacht sie dabei auf. Ungeduldig strampelt sie, beginnt zu brüllen, als sie nicht sofort etwas zu trinken bekommt und erst als ihr Mund meine Brust umschließt wird sie langsam ruhiger. Wir liegen, wie wir immer liegen, ich auf der Seite, sie vor mir. Meine Beine habe ich angezogen, sodass sie sie umschließen und mit meinem Gesicht berühre ich ihr Köpfchen.

Während sie trinkt werde ich immer ruhiger, meine Augen fallen zu und irgendwann hört auch Ilvie auf zu nuckeln. Sie atmet tief und gleichmäßig in dieser schützenden Höhle die mein Körper intuitiv für die zu formen scheint und im Halbschlaf kann ich nicht mehr zuordnen wo ich aufhöre und meine Tochter anfängt. Es ist als würden unsere Körper einen Kreis bilden, der so fest verbunden ist, dass wir noch immer eins sind, ganz genau wie wir es so lange waren. Ich bin so fasziniert von diesem Gefühl, das ich so gut kenne aber heute zum ersten Mal so bewusst wahrnehme, dass ich versuche mein Ende und Ilvies Anfang zu spüren, aber es gelingt mir nicht. Wir sind tatsächlich eins, mein Mädchen und ich und wenn es eines gibt das ich mir in diesem Moment wünsche dann ist es, dass ich dieses Gefühl niemals mehr vergessen möchte.

 

23.01.2020 Donnerstag

„Ich kann das alles nicht“, sage ich zu Franz. Soeben habe ich die erste Aufnahme meines erstes Podcasts ausgeschaltet, ich konnte es nicht mehr ertragen sie zu hören, kam mir so blöd, so lächerlich vor. Die Tränen laufen über meine Wangen als ich wenige Momente später im Bett liege. Franz zieht mich in seine Arme. Ganz fest hält er mich, so fest, dass ich beinahe in ihm verschwinde. Er lässt mich einfach weinen und dabei keinen Millimeter los und als ich am Ende sage „Ich scheine auf dem richtigen Weg zu sein, wenn das alles hochkommt“, da kann ich hören wie er lächelt und spüren wie er nickt und auch wenn es sich echt beschissen anfühlt, so weiss ich doch nun ganz genau: Alles ist gut.

 

28.01.2020 Freitag

Freja ist krank. Die ganze Nacht schon hat sie hohes Fieber, ihr Kopf glüht, ihr Körper zuckt immer wieder unwillkürlich. Ich mache ihr Wadenwickel, dann ziehen wir um auf die Matratze in ihrem Kinderzimmer, damit Franz und Ilvie ungestört schlafen können. Bei mir ist an Schlaf nicht zu denken, doch das macht mir nichts aus, Hauptsache ich spüre den Atem meiner Tochter. Gegen Morgen wird sie ruhiger. Tief in meinen Arm gekuschelt gleitet sie nun endlich in einen tieferen Schlaf und während ich der Melodie ihres Atems lausche und es vor dem Fenster langsam hell wird, spüre ich so sehr: Hier gehöre ich hin, ganz genau hier und nirgendwo anders als mit meiner Tochter im Arm und einer Liebe in mir, für die ich keine Worte finde.

 

12.02.2020 Freitag

Ilvie weint als ich den Raum verlasse. Ich gehe sie holen, und sie verstummt augenblicklich als sie in meinen Armen liegt. „Die braucht ein bisschen Mama…“, sage ich zu Franz. Er grinst. „Das glaubt auch nur die Mama“, sagt er sarkastisch.

Doch ich weiß, dass ich Recht habe. Die Woche war völlig verrückt, ich weiß nicht wie ich das alles geschafft habe und trotzdem ist es mir gelungen. Ilvie musste zurückstecken und das weiß ich und jetzt bin ich seltsam erleichtert darüber, dass sie sich bemerkbar macht. Ich setze mich mit ihr aufs Sofa, stille sie und singe ein Lied nach dem Anderen. Langsam fallen ihre Augen zu und sie gleitet in den Schlaf und während ich ihr dabei zusehe, ihre Anwesenheit spüre und ihre kleine Hand halte, merke ich wie ich selbst ruhig werde und nichts anderes mehr zählt als dieser eine Moment.

 

07.03.2020 Samstag

Es ist halb sieben Uhr morgens und ich wache auf weil Ilvie mit ihrem ausgestreckten Arm auf mein Gesicht klopft. Als ich widerwillig meine Augen aufschlage blicke ich in ihr strahlendes Gesicht und muss unwillkürlich mitlachen. Es ist ein Geschenk jeden Tag mit diesem Anblick aufwachen zu dürfen und obwohl meine Tochter nur wenig später konzentriert versucht mir meine Wimpern auszurupfen, weiß ich schon jetzt dass ich es irgendwann vermissen werde, ihr Strahlen am Morgen – sogar um halb sieben.

 

08.03.2020 Sonntag

Noch vor allen anderen hieve ich mich aus dem Bett. Ich bin todmüde, aber ich habe mir vorgenommen meinen Traum zu erfüllen. Ich möchte schreiben, andere Menschen mit meinen Worten berühren – und gleichzeitig möchte ich das was ich habe, meine Familie, die Liebe in meinem Leben auskosten und mitnehmen und erleben. Also stehe ich um sechs Uhr auf und auch wenn ich es anfangs verfluche, genieße ich seltsamerweise die Ruhe nur für mich an einem Sonntag Morgen.

Ich mache mir einen Kaffee, entschließe mich spontan dazu ein kurzes Yoga Video einzubauen und als ich mich dann an den Computer setze, fühle ich mich angekommen, da wo ich sein will. Ich habe noch viele Ziele und Pläne und Träume – aber alleine die Tatsache, dass ich an einem Sonntag morgen um sechs aufstehe um sie zu erfüllen, in dem Wissen, dass meine Familie noch tief und entspannt schläft, macht mich glücklich.

 

11.03.2020 Mittwoch

Franz‘ Schlüssel in der Tür ist mein Startschuss. Ich setze mich ins Büro und bin für die nächsten vier Stunden im Flow: Schreiben und planen und verbessern und verändern. Als ich den „Power“ Knopf drücke ist es elf Uhr und ich falle ins Bett, direkt in Franz Arme. Und auch wenn meine Gedanken noch ein wenig brauchen um zur Ruhe zu kommen und sowohl Ilvie als auch Freja noch einmal kurz wach werden, so liege ich am Ende da, als einzige wach. Ich höre wie Freja im Schlaf redet, spüre Franz Arm der schwer und sicher um meinen Schultern liegt und Ilvies Brust wie sie sich im Takt ihres Atems  hebt und senkt und während ich dort liege und mich kaum bewegen kann, weil 1,40 für vier Menschen wirklich verdammt wenig Platz ist, bin ich so dankbar für das Leben das ich führen darf. Denn jetzt in diesem Moment, auf meinen schätzungsweise 15 Zentimetern, bin ich ganz genau da wo ich sein will.

 

16.03.2020 Montag

Der erste Tag Zuhause. Franz ist angespannt, wir wissen noch nicht wie es in seinem Job weitergeht. Freja ist auch angespannt, ich glaube sie merkt, dass auch bei mir langsam Angst und Unsicherheit steigen. Ich versuche schon jetzt eine Routine einzuführen, was nur so semi-gut klappt, Freja protestiert und ich muss aufpassen dass ich ruhig bleibe.

Doch am Nachmittag sitzen wir gemeinsam im Garten, wir haben das Trampolin ausgepackt, das Fahrrad aufgepumpt und die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel. Schon als ich die Tür öffnete, habe ich ihn riechen können, den Frühling. Und als ich jetzt mit meinen beiden Töchtern auf dem Trampolin sitze, mein Kaffee neben mir, zum ersten Mal in diesem Jahr ohne Jacke und sogar barfuß, da ist Alles ganz genau so wie es sein sollte.

 

24.03.2020 Dienstag

Es ist noch immer surreal nicht nach draußen zu können, und gleichzeitig merke ich wie wir langsam ankommen in dieser Quarantäne. Meine Töchter und ich, wir sind aufeinander eingespielt, wie wir es noch nie zuvor waren und ich merke wie vor allem Freja die Zeit mit mir genießt. „Mama soll mich ins Bett bringen“, sagt sie am Abend und als wir nebeneinander daliegen, kuschelt sie sich tief in meinen Arm, sagt mir haarklein welche Geschichte ich ihr erzählen soll und lauscht als ich dem Folge leiste und korrigiert wenn sie findet, die Geschichte solle doch lieber anders sein. Als sie kurze Zeit später neben mir liegt, die Augen geschlossen, der Atem tief, drücke ich ihr ganz vorsichtig einen Kuss auf die Stirn. „Ich liebe dich“, flüstere ich ihr zu, so wie ich es jeden Abend tue. „Und du bist das wichtigste was es gibt auf der Welt“.

 

01.04.2020 Mittwoch

Es wird Frühling. Ilvie stopft sich genüsslich Erde in den Mund, während Freja und ich auf dem Trampolin hüpfen. Kurz darauf bringe ich meine Jüngste zum Schlafen, mache mir einen Kaffee und begleitet vom Zwitschern der Vögel, sitzen Freja und ich auf den Gartenstuhl vor unserer Hütte, sie auf meinem Schoß, und lesen ein Buch nach dem anderen. Ich liebe diese Momente in denen meine große Tochter sich auf meinem Schoß zusammenrollt, ich ihr ab und an einen Kuss aufs Haar drücke und wir einfach so zusammen sind wie man nur zusammen sein kann.

 

12.04.2020 Sonntag

Es ist Ostern. Um halb sieben ist Freja aufgewacht und zusammen sehen wir direkt aus dem Fenster. Franz Haut ist noch kalt, weil er sich eben erst zu uns zurück ins Bett geschlichen hat. Auf der Terasse liegen zwei Eier die Freja durchs Fenster entdeckt und kommentiert: „Die hat der Osterhase aber nicht so gut versteckt“. Franz und ich sehen uns an, mit diesen Blick mit dem wir uns dieser Tage oft ansehen, eine Mischung aus Stolz und Amüsement und Staunen über unsere große Tochter. Wir grinsen. Dann gehen wir in den Garten und Freja sucht gewissenhaft und mit einer Begeisterung die ihresgleichen sucht ein Schokoei nach dem anderen. Im ganzen Garten hat Franz sie verteilt und jedes einzelne wird kommentiert. Die Sonne scheint derweil, es riecht nach Frühling und fühlt sich nach Familie an.

 

17.04.2020 Freitag

Mein erstes Podcastinterview ist vorbei und meine Wangen sind noch ganz gerötet als ich die Treppe heruntergehe in den Garten wo die Sonne bei 24 Grad vom knallblauen Himmel scheint und meine Mutter auf die Kinder aufpasst. Ilvies Augen fallen grade zu, ich nehme sie. Und während ich aufgeregt von meinem Gespräch erzähle, kuschelt sich mein Baby auf meinem Arm in meine Halsbeuge und schläft einfach ein und als ich mir wenig später einen Kaffe mache den ich mit unserer neuen Nachbarin im Garten trinke während wir unsere Kinder beim Spielen beobachten, denke ich: Mein Leben ist so verdammt gut. Und ich habe die Ahnung davon, dass ich es haben kann: Alles zusammen. Heute jedenfalls, habe ich es.

 

03.05.2020 Sonntag

Ich dusche während Freja in der Badewanne mit ihren Gummienten spielt, denen sie allesamt unterschiedliche Stimmen verleiht. Franz kommt zwischendurch rein, Ilvie auf seinem Arm, ihr kleines Gesicht vollkommen voller Erde, lacht sie mit großen Augen. „Dieses Kind“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Ich hab ne Minute nicht hingeguckt, schon hatte sie sich irgendwoher einen Erdklumpen geholt und in den Mund gestopft“. Wir alle lachen und Freja dreht die Handflächen zur Decke und sagt :“Die Ilvie…“. Und während jeder von uns für sich ist, sind wir doch irgendwie alle eins, denn wenn es etwas gibt das ich liebe, dann ist das unser stinknormaler, langweiliger, wunderschöner Alltag.

 

10.05.2020 Sonntag

Ich schreibe. Und schreibe. Und schreiben. Obwohl ich keine Lust habe. Obwohl es mir schwerfällt. Und am Abend habe ich sie fertig, die erste Fassung meines Exposés und ich werde es mir merken: Manchmal muss ich die Dinge einfach machen.

 

16.05.2020 Samstag

Ich will alles hinschmeißen als ich mein Exposé erneut überarbeite, kaum Zeit für die Familie habe und Franz sowieso dauernd weg ist. Ich werde so sehr überrollt von meinen eigenen Gefühlen, dass ich nachts aufstehe, während Franz schläft und durch die Straßen fahre. Doch ich komme zurück. Ich komme zurück, ohne dass mich jemand holt und das ist ziemlich  gut. Ich mache weiter. Ich gebe nicht auf.

 

25.05.2020 Montag

Das Gefühl wenn Ilvie mich ansieht, aus tiefstem Herzen strahlt und wir beide fast eins sind. Das Gefühl wenn ich Freja dabei zusehe, wie klar und liebevoll zugleich sie Konflikte mit anderen Kindern löst. Das Gefühl Ilvie dabei zu beobachten, wie sie durch den ganzen Garten unterwegs ist, Blüten abrupft und sich Erde in den Mund stopft. Das Gefühl von Freja einen flüchtigen Kuss mit den Worten: „Bis gleich Mami“ zu bekommen. Das Gefühl wenn beide Kinder zusammen auf dem Trampolin hüpfen, wenn Freja lacht weil Ilvie Quatsch macht, wenn Ilvie stolz ist, weil Freja lacht. Das Gefühl ihre Mutter sein zu dürfen.

 

28.05.2020 Donnerstag

Ich sehe vom anderen Ende des Gartens wie er in die Küche kommt. Nach vier Tagen ist Franz endlich wieder da. Freja springt auf und rennt auf ihn zu und auch Ilvie krabbelt sofort los. Er freut sich, wirft Freja so hoch in die Luft, dass mir ganz anders wird und kuschelt mit Ilvie. Es ist ein wunderschöner Abend, so schön wie er nur sein kann. Wir alle freuen uns so sehr wieder zusammen zu sei , wir lachen und reden und er küsst mich zwischendurch.

 

04.06.2020 Donnerstag

Ein Spaziergang im Regen mit beiden Kindern im Kinderwagen. Ein Bild das ich nie vergessen will. Abends fährt Franz nach Holland, beide Kinder schlafen schon. Ich habe grade eine Ausschreibung gelesen: Laura Malina Seiler sucht Speaker für ihr Wohnzimmer Event. Es ist eine Intuition, ich will mich bewerben. Also setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe meine Geschichte auf. Ich bin im Flow. Als ich im halb zwölf zu Bett gehe, habe ich das Gefühl es könnte klappen.

 

15.06.2020 Montag

Ich schicke es ab. Ich lasse es nicht mehr gegenlesen. Ich mache es einfach. Ich vertraue nur mir. Ich glaube an mich. Mein Manuskript ist raus. Abends kommt eine Mail. Eine Zusage. Ich bin aus über 100 Bewerbungen als eine von vier Community-Speakern für das Team Liebe Event von Laura Malina Seiler ausgewählt worden. Es ist verrückt. Es macht mich glücklich. Und ich finde es beängstigend. Ich rufe Franz an und lache über mich selbst. “Egal”, denke ich. “Einfach machen.”

 

22.06.2020 Montag

Franz ist in Holland und ich schreibe an meinem Vortrag. Ich schalte den Fernseher aus und nehme meinen Laptop mit ins Bett und dort, während der Himmel sich vor dem Fenster orange färbt, sitze ich zwischen meinen beiden Töchtern, tippe meine Worte und lausche ihrem Atem. Freja murmelt etwas und Ilvie wälzt sich hin und her bis sie ihre Bettschlange umarmt. Und ich betrachte sie und die Arbeit die ich tun darf und denke bei mir: So fühlt es sich an voll und ganz erfüllt zu sein.

 

25.06.2020 Donnerstag

Franz kommt zurück. Mal wieder nach vier Tagen in Holland. Als er in den Garten kommt, zieht sich ein Strahlen über Frejas Gesicht. „Papa“, ruft sie. Auch Ilvie strahlt. Freja rennt, Ilvie stapft, beide los, so schnell es geht in Papas Arme. Und Franz fängt sie auf und wirbelt sie herum und sagt ihnen immer wieder wie sehr er sich freut, endlich wieder bei ihnen zu sein. Und ich betrachte meine Familie und bin berührt als ich einmal mehr sehe: Meine Töchter haben einen Vater. Einen echten. Einen der für sie einsteht, sich auf sie freut, für sie da ist. Ohne Kompromisse und ohne Bedingungen, ganz genau wie ich es bin. Meine Töchter haben einen Vater. Ich glaube es gab nichts was ich mir mehr für meine Kinder wünschte.

 

28.06.2020 Sonntag

Es ist zwölf Uhr als wir anfangen. Um eins bin ich schon ein Mal wutentbrannt nach oben gerannt. Ich würde es alleine machen, hatte ich gerufen. Er hatte mich einfach gelassen und ist trotzdem da geblieben. Gemeinsam wollen wir meinen Vortrag aufnehmen, doch alles fühlt sich falsch an.

Er bringt mich dazu anzufangen. Meinen Text vorzutragen. Ich höre auf ihn. Er sitzt dabei auf dem Sofa und stoppt die Zeit. Und ich beginne zu reden. Und als ich das tue, merke ich, dass überhaupt nicht alles falsch ist. Im Gegenteil. Es ist richtig. Ich bin so berührt von meinen eigenen Worten, dass ich beginne zu weinen. Er steht auf und hält mich fest.

Dann machen wir weiter. Die ersten Versuche scheitern alle an der Technik, es ist halb acht als wir zum letzten Anlauf ausholen, vier Stunden später als geplant. Er zieht alles mit mir durch, ist da, die ganze Zeit bei mir. Der letzte Anlauf klappt, es ist im Kasten. Am Ende kann ich kaum noch stehen, es ist verrückt, als würde ich über mich hinauswachsen, Grenzen verschieben, die mir so gar nicht bewusst waren. Doch wieder ist er da.

Eine Stunde später essen wir Pizza. Ilvie schläft, Freja fordert charmant ihre Zeit mit uns. Mein Vortrag ist fertig, ich synchronisiere noch Ton und Bild. Ich weiß jetzt dass mein Gefühl mich in die Irre führen wollte. Alles ist richtig.

 

03.07.2020 Freitag

Ein Abend am Lagerfeuer mit der Familie. Mama hat Geburtstag, alle sind da und wir erzählen und lachen, dass ich keine Ahnung mehr habe wie spät es ist. Ilvie schläft auf Omas Arm ein, Freja auf Opas, ich sitze neben Franz, während es immer dunkler wird und wir Bier trinken und uns gegenseitig aufziehen und ich es genieße einen Abend lang an nichts zu denken.

 

11.07.2020 Samstag

Es dämmert als der Wecker klingelt, die Kinder schlafen friedlich. Ich schäle mich aus meiner Decke und gehe die Treppe hinunter um die Kaffeemaschine anzuschalten. Alles ist still, vor dem Fenster zwitschert nur ein einzelner Vogel. Auf einmal spüre ich Franz Arm um mich. Ich schließe die Augen, lehne mich an ihn und atme tief ein. „Los …“ sagt er. „Nicht wieder einschlafen“. Ich lache. Erwischt. Als wird die Kinder wecken sind beide sofort hellwach. Aufregung mischt sich mit Vorfreude: „Ich liebe Camping“, sagt Freja begeistert. Die Tatsache, dass sie noch nie im Zelt geschlafen hat und das letzte Mal mit 6 Wochen im Urlaub war, ist völlig unerheblich. Dieses Kind weiß einfach wie es geht, das Leben.

Als wir im Auto sitzen singt Freja „Let it go“, Ilvie quiekt dazu, es duftet nach Kaffee und während die Straße an mir vorbeizieht, lehne ich mich zurück, atme tief ein und denke: „So. Ganz genau so ….“

 

13.07.2020 Montag

Ilvie ist um sieben wach, der ganze Campingplatz schläft noch. Ich höre die Möven, die Sonne beginnt langsam damit das Zelt aufzuheizen. Ich öffne den Reißverschluss, Ilvie ist sofort draußen, ich hinterher. Zusammen gehen wir auf den Tennisplatz, ich mache Yoga während Ilvie versucht ein Loch im Zaun zu finden. Erst noch im Schatten, kommt langsam die Sonne raus und brennt warm auf meinem Gesicht. Als wir zurückkommen, sitzt Franz vor dem Zelt. Ich brühe einen frischen Kaffee auf. Freja ist stolz, weil sie alleine auf den Spielplatz darf, Ilvie geht mit Oma eine Runde mit den Hunden. Ich sitze mit Franz auf unseren Campingstühlen, wir trinken Kaffee, während um uns herum der Platz langsam aufwacht. Nach und nach kommt auch der Rest meiner Familie und es gibt ein großes, langes Frühstück mit Zuckerstreuseln und Croissants. Es ist heiß, Sommer. Den Nachmittag verbringen wir am Meer, und als ich am Abend frierend unter die Decke zu Franz krieche und er mich an sich zieht um mich zu wärmen, spüre ich trotzdem noch die Sonne auf meinem Gesicht, den Wind im Haar und das Gefühl von Urlaub in meinem Bauch. Ich streiche erst Ilvie dann Freja übers Haar, beide sind todmüde erst gegen elf eingeschlafen.

 

28.07.2020 Dienstag

Ich schrecke aus dem Schlaf. Freja rennt in unser Zimmer – ich sehe aus dem Augenwinkel wie sie strahlt. Sie schmeißt sich in Franz Arme. „Ich hab die Girlande gesehen“, sagt sie. Ich höre das Glück in ihrer Stimme. heute ist ihr Geburtstag. Als wir zehn Minuten später nach oben kommen und für sie singen, liegt sie in unserem Bett und kneift die Augen zusammen. Drei Lieder lang. Dann packt sie pragmatisch hintereinander alle Geschenke aus. Sie strahlt die ganze Zeit. Das Glück in ihrer Stimme ist noch immer da. Es bleibt den ganzen Tag.

 

03.08.2020 Montag

Der erste Tag „Normalität“ nach unserem Urlaub. Franz ist in Holland. Als er sich ins Auto setzt, weinen sowohl Freja als auch Ilvie. Es ist schwer diesen Abschied zu nehmen und eigentlich ist es ein schwieriger Moment. Doch es ist gleichzeitig ein Moment der mit bewusst macht: Ich hab’s geschafft. Ich kann ihn gehen lassen, ohne Panik, ohne Verzweiflung. Ich kann meine Töchter trösten, so dass sie es mir abnehmen. Und darauf bin ich verdammt stolz.

Am Abend gehe ich ins Bett nachdem ich mir alle Infos zur Greator Coaching Ausbildung durchgeguckt habe. Ich liege da, mit offenen Augen und bin aufgeregt, so wie ich es seit Ewigkeiten nicht war. „Das ist es“, denke ich und traue mich gleichzeitig fast nicht diesen Gedanken zuzulassen. Ich hoffe so sehr, ich kann es mir leisten.

 

06.08.2020 Donnerstag

„Papa, du sollst im Büro arbeiten“. Freja ist so glücklich, dass Franz wieder da ist, sie will ihn nicht mehr gehen lassen. Und er nimmt sie ernst. „Okay“, sagt er. Und dann arbeitet er von Zuhause. Als er am Nachmittag zu uns in den Garten kommt, rennt Ilvie ihm entgegen. „Papapapa“, ruft sie dabei und schlägt ihre kleinen Händchen vor ihre nackten Oberschenkel. Und ich stehe da und mir rutscht ein „Ohhhh“ raus, so schön ist diese Geste purer Freude. Papa.

 

09.08.2020 Sonntag

Wir sind bis Abends am Schwimmteich. Es werden Sushi und Pizza bestellt, Freja springt noch mal ins Wasser während sich Ilvie in meinen Armen in den Schlaf trinkt. Auf dem Weg nach Hause sitzen wir im Auto, der Motor brummt, Frejas Augen werden schwer. Franz legt seine Hand auf mein Bein, ich seufze. „Morgen … “, sage ich. Er nickt. Mir ist ein bisschen mulmig vor der Woche, Franz wird erst Mittwoch Nacht wieder nach Hause kommen, Freja geht wieder in die Kita, mit Ilvie muss ich zum Arzt, meine Ausbildung geht weiter, der Podcast ist nicht mal geplant und auch für Kretschmer Fotografie steht noch einiges an.

Ich sehe auf die Straße die vor mir vorbeizieht. Franz Hand auf meinem Bein, meine Töchter in unserem Rücken. Ich atme tief ein und drücke Franz Hand. „Jetzt“, denke ich. „Einfach nur jetzt“.

 

23.08.2020 Sonntag

Ein Sonntag mit Familie und Pflaumenkuchen. Am Nachmittag habe ich ein Online Meeting. Es geht um einen TED Talk. Fast eine Stunde reden wir und wir lachen und hinterher sagt mir das Team wie schön es ist mit mir. So echt und authentisch und offen. Und dann steht es fest: Ich werde einen TED Talk halten.

 

01.09.2020 Dienstag

Ilvie und ich verbringen den Vormittag zuhause. Freja ist mit einem Lachen in die Kita gegangen. Jetzt sitzen wir in der Sonne auf dem Trampolin und verbringen einfach Ziet. Sie klettert auf mir herum. Drückt mir mit geöffnetem Mund Küsse auf den meinen. Sie hüpft so hoch wie grade 1-jährige Kinder eigentlich nie hüpfen können. Sie stopft sich Erde in den Mund und grinst dabei über beide Ohren. Sie drückt ihre Stirn an meine, schmiegt ihr Gesicht an meins. Sie spielt und lacht und entdeckt und lässt mich daran teilhaben. Und ich lehne mich zurück und beobachte sie und spüre wie ich Teil bin. Von ihr. Und von mir. Und von diesem wunderbaren Leben das wir haben.

 

09.09.2020 Mittwoch

Ich greife mein Handy und erschreckend automatisiert entsperre ich es und öffne meine Mail-App. Gedankenverloren registriere ich wie eine neue Mail aufploppt und während meine Finger sie schon öffnen, realisiere ich erst wer der Absender ist. Die Literaturagentur der ich mein Manuskript geschickt habe. Meine Augen flattern über den Text, ich registriere nur die Worte „Leseprobe“ und „hat uns gut gefallen“. Mein Hirn ist langsamer als mein automatisch scrollender Finger, langsamer als meine Augen und es dauert einige Sekunden bis ich tatsächlich begreife: Die wollen mein Manuskript. Nach der Leseprobe wollen sie jetzt den gesamten Text. Ich lache laut, Tränen sammeln sich in meinen Augen, meine Hand wandert vor meinen Mund. So oft hatte ich mir diesen Moment ausgemalt, in meinen Meditationen und vor meinem inneren Auge und jetzt passiert er wirklich. Ich greife zum Telefon und rufe Franz an, doch er ist in einem Meeting. „Can I call you later“, kommt die automatisierte sms. „Die wollen mein Manuskript“ schreibe ich zurück. Dann gehe ich aufs Trampolin zu meinen Töchtern. Freja blickt mich erstaunt an, sie kann nicht einordnen warum ich gleichzeitig weine und lache. Ich erkläre ihr, dass es jemanden gibt der mein Buch haben will um es richtig zu drucken. Sie schüttelt den Kopf und sagt: Nein Mama, das wollen wir dich behalten. Und ich drücke meine Mädchen an mich und kann es nicht fassen dass das hier grade wirklich passiert. Ich werde Schriftstellerin.

 

12.09.2020 Samstag

Im Flow. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Heute war der krasseste Tag. Franz ist beim Kegeln, Freja erst spät eingeschlafen, ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt mich nicht mehr dran zu setzen, aber dann habe ich meinen Laptop geholt und sie ist neben mir eingeschlafen während ich schon wieder in der Geschichte versunken ist. Die scheint einfach in mir drin zu sein und durch mich durch aufs Papier zu fließen. Jetzt ist es 12 Uhr und ich habe nur aufgehört weil meine Augen Tränen.

 

24.09.2020 Donnerstag

Ich arbeite mit Franz zusammen im Home Office, kürze meinen Talk und bin zufrieden mit dem Ergebnis. Am Nachmittag spiele ich mit den Kindern im Garten. Es ist der letzte Sommertag und wir lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen, hüpfen und Freja spielt mit ihrem Schaukelpferd. Ilvie pflückt Beeren und isst Erde. Wir lachen. Ich mache Yoga. Es ist ein Nachmittag wie wir in in diesem Jahr so oft hatten und ich werde ein bisschen wehmütig bei dem Gedanken daran, dass es nun Herbst wird. Ich will ihn nicht ziehen lassen diesen wunderschönen Sommer und gleichzeitig bin ich so glücklich, so dankbar dass ich ihn erleben durfte.

 

28.09.2020 Montag

Die TED Woche startet. Ich übe und übe. „Freja hat sich bei mir beschwert“ erzählt Franz mir am Abend. „Sie sagte, sie mag es nicht wenn Mama Englisch spricht. Dann sagt sie nämlich immer „Pssst, du kannst mich jetzt nicht unterbrechen“, wenn ich ihr was sagen will“. Ich lache herzhaft über meine wunderbare, clevere große Tochter.

 

29.09.2020 Dienstag

Den ganzen Vormittag hat es geregnet. Als Franz die Mülltonne reinstellt, lässt er versehentlich die Tür im Hauswirtschaftsraum einen Spalt offen. Auf einmal sehe ich durchs Wohnzimmerfenster Ilvie, wie sie auf Socken, lachend über den nassen Rasen rennt. Ich öffne die Tür und rufe sie. Sie blickt mich strahlend an, habt ihre kleine Hand zu einem Winken und sagt mit hoher Stimme „Tüssss“. Dann dreht sie sich um und rennt juchzend davon, ab aufs Trampolin, mit klatschnassen Socken und einer so puren, reinen Lebensfreude die ihresgleichen sucht.

 

01.10.2020 Donnerstag

Ich sitze mit Mia am Küchentisch meiner Eltern und wir lernen Englisch, als ich unbewusst mein Handy entsperre und eine Mail der Agentur öffne. Schon bei den ersten Worten weiß ich was kommt: Es ist eine Absage.

Ich bin etwas erstarrt. „Absage“, sage ich nur. Getröstet werden muss ich seltsamerweise nicht. Ich fühle mich irgendwie stumpf und gleichzeitig klar. Eine Stimme in mir will verzweifeln, doch anstatt auf sie zu hören, kann ich sie einfach da sein lassen. Ich mache meinen Alltag genau normal weiter, 100 Burpees helfen und ich bin so froh über meine Ausbildung, weil ich merke wie sehr ich ihre Prinzipien schon verinnerlicht habe. „Diese Absage ist ein Schritt in Richtung meiner Vision“, denke ich. „Kein Rückschritt“. Und ich bin überrascht, dass ich mir tatsächlich selbst glaube.

 

02.10.2020 Freitag

Generalprobe. Morgens bin ich Mama, gehe einkaufen, trockne Tränen, lese Bücher und putze das Haus. Am Abend setze ich mich ins Auto und fahre nach Köln.

Ich lerne das Team von TEDx Ehrenfeld kennen, höre die anderen Speaker. Es ist inspirierend. Motivierend. Ich fühle mich als würde ich dorthin gehören und bin gleichzeitig meiner selbst so sicher und überrascht über eben diese Tatsache. Es ist verrückt. Mein Vortrag fühlt sich leicht an. Ich kann alle Tipps von Nils umsetzen. Nachher unterhalte ich mich bei Pizza und Pommes mit den anderen, ich bin einer der wenigen Speaker die noch da sind. Ich liebe es, zu erzählen und wirklich etwas zu sagen. Auf der Rückfahrt rufe ich Franz an und erzähle begeistert. Ich freue mich so sehr auf das Event, die Absage ist komplett in den Hintergrund gerückt.

 

05.10.2020 Montag

Ich räume drei Stunden lang auf, versuche in den Alltag zu kommen. Als Ilvie schläft, schicke ich mein Manuskript an eine weitere Agentur. „Weiter geht’s“, denke ich.

Die Antwort kommt am Nachmittag. Ich zeige Franz nur stumm das Handy so überrascht bin ich. „Die wollen sich mit mir treffen. Denen hat das Manuskript gefallen“, sage ich perplex. Ich bin skeptisch. „Vielleicht haben die einfach nichts zu tun“, schreibe ich meiner Mutter später. „Vielleicht sind die auch einfach von deinem Buch begeistert“, antwortet sie.

Wer weiß. Vielleicht hat sie Recht.

 

11.10.2020 Sonntag

Ich wache auf, alleine in unserem Bett in dem wir die Nacht wie immer zu viert geschlafen haben. Vor dem Fenster höre ich Freja lachen und Ilvie brabbeln. Franz scheint etwas zu erklären. Ich glaube sie hämmern etwas. Ich drehe mich noch einmal um und kuschele mich tiefer unter meine Decke, kalte Luft strömt durch den kleinen Spalt des geöffneten Fensters. Ich atme tief ein und versinke noch einmal in diesem Gefühl, dass alles ist wie es sein sollte. Wie zur Bestätigung beginnt Ilvie vor dem Fenster laut zu lachen. „Wer kommt in meine Arme“, ruft Franz.

 

15.10.2020 Donnerstag

„Die wollen das machen“. Noch immer etwas perplex gehe ich ins Büro zu Franz der grade Homeoffice macht. „Krass …“. Er blickt hoch. Ich zucke die Schultern. „Die wollen mein Buch jetzt direkt in ihren Herbstkatalog aufnehmen. Die waren echt nett. Ich habe alles erzählt was mir wichtig ist, wir haben sogar schon über weitere Bücher geredet“. Ich fühle mich seltsam. Lebendig. Gleichzeitig ein wenig als würde ich mir selbst zusehen. „Glückwunsch“, sagt Franz und lächelt. Ich lasse mich auf seinen Schoß fallen. Er küsst mich. „Jetzt kann ich Schriftstellerin werden“, sage ich. „Bist du doch schon“, antwortet er und grinst.

 

30.10.2020 Freitag

„Heute mache ich nichts“, beschließe ich. Ich fühle mich erschöpft, leer. Als Ilvie schläft, gucke ich’s Jane the Virgin, esse Chips und heule bei den berührenden Szenen. Mama holt Ilvie dann am Mittag ab und ich gucke die Serie zuende, hole ein Buch ab, gehe laufen und habe langsam das Gefühl, wieder bei mir anzukommen.

Stille. Das ist es was ich brauche.

 

05.11.2020 Donnerstag

Franz und ich machen Abends Sport, wir sprinten deswegen gehen wir in den Garten. Ilvie kommt mit und rennt wie Tags zuvor den Weg hinunter. Der kleine Stern, hinten auf ihrer Winterjacke reflektiert das Licht und hüpft auf und ab. Freja kommt auch hinaus. „Papa, ich will eine Taschenlampe“, ruft sie und als Franz mit ihr eine geholt hat: „Ilvie ich komme“. Und dann rennen die beiden den Weg hinunter und wieder hinauf, quietschen vor Vergnügen wenn Franz und ich an ihnen vorbei sprinten und Freja passt auf dass Ilvie nicht hinfällt.

 

18.11.2020 Mittwoch

„Ich hab’s gemacht“, sage ich als Franz ins Zimmer kommt. Er guckt fragend. „Was?“ „ich habe in meinem Podcast zehn kostenlose Coachings angeboten“. Ich halte mir die Hände vors Gesicht. Franz lächelt. Überrascht. Stolz. „Cool“, sagt er. Und in diesem Moment weiß ich, dass ich das Richtige getan habe.

 

21.11.2020 Samstag

Das Haus duftet nach Keksen als ich vom Arbeiten nach unten komme. Freja und Ilvie rennen mit Schürze durchs Wohnzimmer, Ilvie stolpert immer wieder weil sie auf ihre drauf tritt. Für unser Workout gehen wir nach draußen, die Kinder verstecken sich rund um die Gartenhütte. Die Luft ist mild. Wir haben Wochenende. Ich küsse Franz. Alles ist gut.

 

03.12.2020 Donnerstag

„Mama, draußen ist alles weiß“, aufgeregt steht Freja vor unserem Bett und zieht an der Decke. Es hat nicht geschneit, nur gefroren und trotzdem ist Freja so begeistert als würde die Welt in weißem Schnee versinken. Mit Franz geht sie eine Runde nach draußen, danach wärmt sie ihre kalten Füße an meinen Beinen, während wir am Tisch sitzen und die Schokolade aus dem Adventskalender essen und Weihnachtsmusik hören, die sich mit dem Geruch von frischem Kaffee und dem Gefühl von Familie verbindet.

 

14.12.2020 Montag

Es ist halb sechs als ich aufstehe. Ich mache Yoga, seit einer gefühlten Ewigkeit wieder eine Meditation. Franz ist bei den Kindern, deswegen lasse ich auch hinterher die Kopfhörer in den Ohren und höre Musik, die mich berührt. Ich schreibe auf wofür ich dankbar bin, und fühle es so richtig so voll und ganz. Zeit lasse ich mir, es ist schon nach sieben als Franz mit Ilvie auf dem Arm nach unten kommt und mich küsst. Ilvie stahlt mich an. Freja rennt an mir vorbei zum Adventskalender. Und ich bin glücklich, einfach glücklich über alles was ich habe.

 

18.12.2020 Freitag

Mein TED-Talk ist online. Ich bekomme die Mail und plötzlich ist mir schlecht vor Aufregung. Er ist online. Ich kann mich nicht dazu überwinden ihn zu gucken, räume lieber auf und Dinge hin ins her. Franz bringt die Kinder ins Bett und dann setzen wir uns gemeinsam vor den Fernseher, jeder ein Glas Rotwein in der Hand und sehen uns meine Rede an. In den ersten Momenten möchte ich meinen Blick am liebsten in Franz Armbeuge vergraben, doch ich gewöhne mich schnell daran mi j reden zu sehen und zu hören – und irgendwann beginne ich mich gut zu finden. Ich finde mich gut. Ich finde mich mutig. Ich bin verdammt stolz.

Als ich Franz das erzähle nickt er nur und lächelt. „Das kannst du auch sein“, sagt er. Und ich verstehe, dass es egal ist wie viele Menschen diese Rede sehen – denn solange sie mich selbst stolz macht, solange sie mir ermöglicht meine Stärke, meine Fähigkeiten sehen zu können, solange hat sie ihr größtes Ziel erreicht.

 

24.12.2020 Donnerstag

Es klingelt und meine Familie steht vor der Tür. Ich habe meine Yogahose gegen ein Kleid getauscht, meine Haare sind noch feucht von der Dusche, für die wir uns ein bisschen beeilen mussten, weil wir noch ein Workout vorangequetscht haben. „Da seid ihr ja“, meine Begrüßung klingt etwas außer Atem. Franz kommt runter, als ich ihn küsse, rieche ich noch sein Duschgel. Er zieht mein Kinn nach oben, sodass ich ihn ansehe und drückt mir einen kleinen Kuss auf den Mund. „Jetzt ist Weihnachten“, sagt er. Ich lache.

Ich mache Kaffee für alle, in der Zwischenzeit wird unser Wohnzimmer in eine Mini-Kirche verwandelt. Nils spielt Gitarre, liest eine Geschichte von der Herdmanns. Als Rolf Zuckowski kommt, singt Freja so inbrünstig mit, dass mir die Tränen kommen. Ihr Gesicht ist so voll Glück und Spannung und Freude und Interesse. Ich kann sehen wie sie sich fallen lässt in diese Weihnachtsstimmung, völlig bedingungslos und in diesem Moment wünsche ich mir, dass sie sich diese Fähigkeit für immer behält. Mit roten Wangen und großen Augen sitzt sie da und singt und als ich meinen Text gelesen habe, unsere Andacht vorüber ist und wir im Auto sitzen zu meinen Eltern, sagt sie: „Gleich kommt das Christkind“. Und sie strahlt wie man nur strahlen kann und es ist, als würde sie damit das ganze Auto erleuchten.

 

30.12.2020 Mittwoch

Ich sitze am Schreibtisch und lese mich durch mein Jahr 2020. 365 Momente habe ich festgehalten, jeden Tag einen. Ich bin überrascht davon, dass es am Ende immer die Momente dazwischen waren, die mich noch heute am meisten berühren. Die Morgen zu viert, eingequetscht auf 1,40 Metern mit Sonne vor dem Fenster und Ellenbogen im Gesicht. Das „Papaaa“, wenn Franz nach mehreren Nächten endlich wieder nach Hause kam. Das Gefühl von „Ich kann nicht mehr“, das langsam umschlug in ein „Klappt ja doch“. Der Moment als ich mein Manuskript schrieb und auf einmal Tränen über mein Gesicht liefen, weil es sich anfühlte als hätte ich gefunden, wonach ich so lange gesucht hatte. „Es fühlte sich an wie nach Hause zu kommen“, erklärte ich Franz später.

2020 war für mich ein Jahr voller Veränderung und jetzt da ich es noch einmal Revue passieren lasse, merke ich wie sehr die Veränderung in meinem Alltag steckt. Ganz genauso wie das Glück. Die Leichtigkeit. Die Bewegung. Und die Liebe.

Dieses Jahr war so voll von wunderbaren Momenten und an die meisten würde ich mich wohl kaum erinnern – hätte ich sie nicht aufgeschrieben.

Doch zum Glück habe ich es getan. Ich werde auch im nächsten Jahr diese Tradition beibehalten und jeden Tag einen Moment aufschreiben – denn am Ende sind diese Momente nichts als das Kostbarste was ich besitze.

 

Was ist mit dir – machst du mit?

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