Was Weihnachten ist. Eine kurze Lesung zum Heiligen Abend. Podcast #48

Wenn ich an Weihnachten denke, dann denke ich daran, wie ich jedes Jahr am Mittag des Heiligen Abends mit meinem Bruder zusammen ins Autos stieg um Weihnachtskarten zu verteilen. Jene Karten, die meine Mutter stets vergaß rechtzeitig in die Post zu geben und die sie uns nun mit einem: „Ach kommt, das sind doch nicht so viele“ resolut in die Hand drückte. Wir seufzten und stöhnten angesichts der zweistündigen Briefkästen-Tour, doch insgeheim genossen wir es dem Trubel Zuhause zu entkommen und hatten, noch als wir längst erwachsen waren, einen Heidenspaß daran unsere Tour jedes Jahr zu optimieren. Wenn wir zurückkehrten, dann roch es im ganzen Haus nach Frikassee und die geschäftige Stimmung des Vormittags war umgeschlagen in die bedächtige, beinahe magische Stille der bevorstehenden Bescherung.

Wenn ich an Weihnachten denke, dann denke ich daran, wie wir als Kinder aufgeregt auf unseren Stühlen hin und her rutschten und es kaum erwarten konnten, bis die Erwachsenen endlich aufgegessen hatten, damit wir hochgehen konnten in unser Zimmer um auf das Klingeln des Glöckchens zu warten. Ich erinnere mich an unsere Enttäuschung bei den Worten „So, jetzt noch der Nachtisch“ und an den Gehirnfrost der vorprogrammiert war, wenn wir unser Eis so schnell aßen wie es nur ging. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Bruder und ich irgendwann nicht mehr auf unseren Stühlen hin und her rutschten und stattdessen nun unsere kleinen Schwestern beobachteten wie sie es taten, während wir nun diejenigen waren die fragten: „Jetzt noch Nachtisch, oder?“. Und ich denke daran, wie jetzt meine Schwestern dort sitzen und amüsiert meine Tochter ansehen, die aufgeregt auf ihrem Stuhl herumrutscht und bestimmt erklärt: „Wir gehen jetzt hoch, das Christkind kommt,“ noch bevor jemand den Nachtisch überhaupt erwähnen kann.

Wenn ich an Weihnachten denke, dann denke ich ans Christbaum-Schmücken zu lauter Musik und mit Lametta um den Hals und Kugeln an den Ohren. Ich denke ans Gitarrenspiel zu später Stunde, an die Party mit den Freunden die man nur ein Mal im Jahr sieht, ans „Engelchen-beobachten“ vor dem schwarzen Fenster und das Gefühl von Frejas kleinen Armen die sich aufgeregt um meinen Hals schlingen als ich in die Nacht hinein zeige und sage: „Guck‘ mal, ich habe einen Lichtschein gesehen.“ Ich denke daran, wie wir am zweiten Feiertag die Weihnachtslieder gegen Karnevalsmusik tauschen, weil wir genug haben vom besinnlich sein. Und an das eine Fest, das ich in Franz Armen verbrachte obwohl er eigentlich hätte am anderen Ende der Welt sein sollen.

Weihnachten ist für mich Magie, ebenso wie das charmante Chaos. Weihnachten ist für mich das Gefühl von Familie, von Dankbarkeit, von Glück. Weihnachten zeigt mir, was ich habe. Doch es zeigt mir auch – was nicht.

Ich habe noch niemals ein Weihnachten ohne Tränen gefeiert. Tränen der Freude – die sind immer Teil des Festes. Aber auch Tränen, weil manche Dinge nun einmal anders sind, als ich sie mir wünsche, weil es Menschen gibt, die ich vermisse, manchmal sogar obwohl sie neben mir sitzen. „Wenn’s schon an Weihnachten nicht ist wie’s sein soll – ja, wann denn dann?“, hab ich mich oft gefragt.

Weihnachten, das ist das Fest der Liebe, so voll von Erinnerungen, angefüllt mit Emotionen, abgesteckt mit Tradition. Weihnachten ist dieser eine Tag im Jahr, der heraussticht an Bedeutung, Und wenn’s schon an Weihnachten nicht ist wie’s sein soll – ja, wann denn dann?

Die Antwort weiß ich heute: Es ist niemals wie es sein soll, es ist nur wie es ist. Und wie es ist, ist so viel besser, als jedes „soll“ je sein kann.

Denn wie es ist, das ist wahrhaftig. Wie es ist, das ist real. Das was ist, das ist mein Leben und jedes Jahr an Weihnachten – ganz genau wie an jedem andren Tag – habe ich die Chance mich zu entscheiden: Will ich es leben voll und ganz? Mit Glück und auch mit Schmerz. Mit Leichtigkeit und mit Vermissen. Ohne Erwartungen und dafür mit Vertrauen.

Weihnachten, das ist das Fest der Liebe – und grade dieses Jahr ist mir noch einmal klar geworden, was das wirklich bedeutet.

Denn ganz wie in der Liebe ist Weihnachten, was ich draus mache. Das, was ich es sein lasse.

Es geht hier nicht um Christbaumschmuck und gutes Essen. Nicht um Geschenke oder Karten. Es geht nicht einmal um Erinnerungen oder Traditionen, selbst wenn sie für mich viel bedeuten.

Es geht darum mich einzulassen, auf alles das was ist. Zu lieben, um der Liebe Willen, zu Geben um des Gebens Willen – und nicht, weil man’s so macht.

An Weihnachten, ganz genau wie an Silvester. Oder an Geburtstagen.

Oder Montags.

Und Dienstags.

Mittwochs.

Donnerstags auch.

Und Freitags.

Und Samstag und Sonntag.

Weihnachten ist eine Gelegenheit, dass ich mir ins Gedächtnis rufe, wie ich mein Leben leben will.

Ich will lieben um der Liebe Willen.

Sag mir, was willst du?

 

 

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