Inga Hanka | Schreibe deine eigene Geschichte.
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Schreibe deine eigene Geschichte.

Liebe Inga,

mein Mann und ich haben uns irgendwie auseinandergelebt. Wir streiten viel und schaffen es selten, Lösungen zu finden. Meistens sitzen wir es einfach aus, bis ich es nicht mehr aushalte und wegen Kleinigkeiten an die Decke gehe. Ich liebe ihn, er ist sehr verständnisvoll und eher ruhig. Wenn ich explodiere zieht er sich zurück.

Ich habe verstanden, dass eine Veränderung bei mir beginnt, es scheint mir logisch. Ich habe große Schwierigkeiten mit meinem Selbstwertgefühl und beziehe alles immer direkt auf mich, ich weiß auch, dass dieses Problem aus meiner Kindheit stammt, denn ich bin mit viel Druck und Drohungen großgeworden. Aber ich weiß nicht wie ich das ändern soll. Wo fange ich an? Wie kann ich es lösen?

Deine „IchbrauchnenAnfang“

 

 

Liebe „IchbrauchnenAnfang“,

ich möchte damit beginnen dir eines zu sagen: Du brauchst keinen Anfang, Du hast ihn schon.

Du hast angefangen Fragen zu stellen. Und damit beginnt alles. Jede Veränderung. Jede Verbesserung. Jedes Wachstum. Und jede Erkenntnis.

Ich kann mich noch an den Moment erinnern in dem ich damit begann Fragen zu stellen. Ich war damals verzweifelt auf der Suche nach dem was ich mir unter der wahren Liebe vorstellte, aber ich fand sie nicht. Ganz im Gegenteil: Je mehr ich suchte, desto weniger fand ich, so schien es mir zumindest. Es wollte einfach nicht klappen und jede aufkeimende Beziehung endete mit den Worten: „Joa, also nee, ich glaub‘ wir sollten uns erstmal nicht wiedersehen“. Immer wieder passierte mir das.

Es war als würde ich dabei zusehen wie das Drehbuch meines Lebens sich wie von Zauberhand geschrieben wieder und wieder mit denselben Worten füllte und ich konnte nichts tun als zusehen. Denn ich hatte keinen Stift.

Doch eines Tages – es war auf dem Rückweg von einem katastrophalen Date – begann ich mir ernsthaft die Frage zu stellen: Warum? Warum, zum Teufel befand ich mich immer wieder in ein und derselben Situation, nur mit verschiedenen Protagonisten und Schauplätzen? Und zum ersten Mal stellte ich mir diese Frage nicht als verzweifeltes „Warum bloß …“, sondern als das was sie war, als einfache, schlichte, objektive Frage, auf die es bestimmt irgendwo eine Antwort gab.

Und mit dieser Frage fand ich den Stift.

Die Frage nach dem „Warum“ veränderte mein Leben. Denn sie veränderte die Sicht mit der ich es betrachtete. Weg von: „Ich kann nichts tun“ und hin zu „Es liegt in meiner Hand ich weiß nur noch nicht wie es geht“. Und genau da bist du auch, liebe „IchbrauchnenAnfang“. Denn deinen Stift, den hast du schon gefunden.

Doch was nun? Wie gelingt es, nicht immer dieselben Geschichten zu Papier zu bringen? Das ist schon eine recht kniffelige Frage, denn unsere Geschichten entstehen aus unseren Gedanken – und die Gedanken die wir heute denken, sind zu 95 Prozent identisch mit den Gedanken die wie gestern gedacht haben. Und vorgestern. Und vorvorgestern. Und vorvorvorgestern. Und so weiter.  Und das blödeste an der ganzen Sache: Meistens merken wir das nicht einmal.

Ich habe also damit begonnen, mir meine Gedanken und Gefühle bewusst zu machen. Und das habe ich getan indem ich die Metapher von Drehbuch und Stift wörtlich genommen habe. Ich habe geschrieben. Jeden Tag.

Jeden Abend habe ich mir bewusst 15 Minuten Zeit genommen. Ich habe den Timer gestellt, auf Start gedrückt, den Stift aufs Papier gesetzt und begonnen zu schreiben. Meine Gedanken. Meine Gefühle. Meine Beobachtungen. Meine Erkenntnisse. Ohne Wertungen, ohne Tabus. Dafür mit Hingabe und dem Versprechen nicht aufzuhören, bevor der Timer nach einer Viertelstunde klingelte. Meistens schrieb ich weit darüber hinaus.

Und wenn ich mir am Ende durchlas was ich geschrieben hatte, dann war ich überrascht. Ich war überrascht von meinen eigenen Wünschen. Ich war überrascht von der Tiefe meiner eigenen Gefühle, davon dass es anscheinend einen Teil in mir gab, der ganz genau wusste woher sie kamen. Ich war überrascht von meinen Erinnerungen, die ich vergessen oder verdrängt geglaubt hatte, die jedoch auf dem Papier plötzlich glasklar geworden waren. Ich war überrascht von den Schlüssen die ich aus ihnen gezogen hatte, von den Überzeugungen, die ich in mir trug, von meinen selbst auferlegten Regeln und Grenzen.

Denn ein Schreibfluss ohne Wertung ist wie ein Spiegel der unser Inneres zeigt.

Und so möchte ich dich ermutigen, liebe „IchbrauchnenAnfang“. Stell dir einen Timer, nimm deinen Stift, setze ihn auf das Papier und beginne zu schreiben. Ohne Nachzudenken. Ohne Wertung. Ohne Druck. Nur setze den Stift nicht ab bevor der Timer klingelt. Und dann sei überrascht, über das was du am Ende liest. Vielleicht bist du auch erschrocken. Oder berührt. Aber auf jeden Fall wirst du sehr viel mehr über dich herausfinden als du grade zu wissen glaubst.

Die Sache ist die: Du schreibst, dass du „Schwierigkeiten mit deinem Selbstwertgefühl“ hast, dass du mit Druck und Drohungen großgeworden bist. Wahrscheinlich wird es in dir einen Teil geben, der sich verzweifelt nach Liebe und Geborgenheit und Annahme sehnt. So wie es ihn in mir gegeben hat – und noch immer gibt. Wahrscheinlich gibt es in dir aber ebenso einen Teil, der sehr wohl weiß, wie wertvoll er ist, denn alleine, die Tatsache, dass du auf die Suche nach Antworten gehst, dass du Fragen stellst und den Stift in die Hand nimmst, zeigt, dass du weißt „Hey, da ist doch noch mehr“.

Klar, ich könnte dir jetzt schreiben, dass du wertvoll bist, dass du es wert bist geliebt zu werden, dass du wunderbar bist, so wie du bist. Doch du würdest mir nicht glauben. Der einzige Mensch dem du diese Worte glauben wirst, bist du selbst. Du bist zugleich der Mensch der sie sagen, und der sie hören muss. Du bist das Kind, das sich ungeliebt fühlt, ebenso wie der Erwachsene der dieses Kind deswegen tröstet. Du bist die Frau, die wegen gefühlten Kleinigkeiten im Alltag den Streit beginnt, aber auch die Frau, die um ihre Beziehung kämpft und sich nicht mit Mittelmaß zufriedengibt und nach Lösungen sucht.

Du bist all‘ das, und wenn du beginnst zu schreiben, dann verspreche ich dir: Du wirst es schwarz auf weiß haben.

Das Schreiben wird deine Probleme nicht lösen. Aber es wird dir die Erkenntnisse liefern, die du brauchst um deine eigenen Lösungen zu finden. Das Schreiben wird deine Beziehung nicht verbessern. Aber es wird dir die Klarheit bringen die dafür nötig ist. Das Schreiben wird dir den Weg nicht weisen. Aber es wird dich verstehen lassen, warum du jetzt dort bist, wo du bist.

Ich bin mir sicher, du wirst automatisch damit beginnen auf die Suche zu gehen, nach den richtigen Ansatzpunkten, nach dem Weg der sich für dich passend anfühlt. Ich selbst habe Familienaufstellungen gemacht, ich habe Therapeuten besucht, Bücher gelesen, habe mir Wissen über Glaubenssätze und das innere Kind angeeignet und Workshops und Kurse besucht. Manches hat mich weitergebracht. Anderes nur insofern, dass ich hinterher wusste „Das ist nichts für mich“.

Doch das Schreiben – das war es das alles verbunden hat. Denn es hat mein Innerstes an die Oberfläche geholt, sodass es mir überhaupt bewusst wurde. Und damit konnte ich damit beginnen es zu lösen.

Und so habe ich den Stift im doppelten Sinne in die Hand genommen. Sprichwörtlich. Und buchstäblich.

Und damit begann ich damit das Drehbuch meines Lebens mit den Geschichten zu füllen die ich schreiben wollte.

Liebe, „IchbrauchnenAnfang“, du brauchst keinen Anfang. Du hast schon längst begonnen. Mache einfach weiter und ich bin mir sicher, du wirst deinen Weg finden.

Von Herzen alles Liebe,

Inga

 

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