Inga Hanka | “Du musst das nicht machen”
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“Du musst das nicht machen”

Warum die falschen Entscheidungen manchmal genau die richtigen sind.

 

Wir schreiben das Jahr 2012, ich sitze im Bus Richtung Uni, den Kopf an die Scheibe gelehnt, Musik im Ohr. Ich spüre das monotone Rattern des Motors und ich weiß noch wie ich mit dieser stumpfen Form sarkastischer Bitterkeit denke, dass es wesentlich besser zu meinem Leben passt als die munteren Töne irgendeines Popsongs der aus meinen Kopfhörern dröhnt. Ich bin auf dem Weg zu einer Vorlesung auf die ich keine Lust habe, dabei habe ich doch immer gern studiert. Jetzt ist das Studium eher eine willkommene Abwechslung um dem immer stärker werdenden Gefühl zu entkommen, mein Leben sei vollkommen aus den Fugen geraten. 

Nur wenige Monate zuvor hatte ich meinen Bachelor mit einer eins vor dem Komma abgeschlossen und war für ein Praktikum bei einer großen Frauenzeitschrift nach München gezogen. Ich würde Journalistin werden, die Welt bereisen, mühelos in High Heels laufen können und vor allem würde ich bestimmt endlich einen Mann treffen, mit dem ich das erleben würde, das ich mir schon immer am meisten gewünscht hatte: Die wahre Liebe. Ich würde mich frei fühlen, unabhängig und mutig. Ich wäre die wahrgewordene Hauptrolle der romantischen Komödien die top-gestylt durch meinen Fernseher stolzierte, während ich ihr im Pyjama und mit einer Packung Eis dabei zusah und davon träume mein Leben würde sich auch endlich mal innerhalb von 120 Minuten von „schlecht“ zu „perfekt“ drehen. Soviel zu meiner Vorstellung.

In der Realität fühlte ich mich so mies wie ich mich selten zuvor in meinem Leben gefühlt hatte. Ich fühlte mich mieser als mies. Ich fühlte mich hundsmiserabel. Der Job war gelinde gesagt beschissen, und ich war so dermaßen auf mich selbst zurückgeworfen, dass ich nach drei Wochen meine Koffer packte und entgegen aller Ratschläge kündigte. Karrieretechnisch war diese Entscheidung für mich der Anfang vom Ende, in Sachen Liebe war sie der Anfang von Allem, auch wenn ich das damals noch nicht wusste.

Ich war dann zurück nach Düsseldorf gezogen und hatte mit dem Masterstudium begonnen für das ich mich vorsorglich eingeschrieben hatte, doch auch wenn ich mein Leben quasi „resettet“ hatte, blieb ein schaler Nachgeschmack. Es war wie eine Art Zwischenzustand, eine niemals verschwindende Unzufriedenheit, eine rastlose Suche nach Etwas von dem ich keine Ahnung hatte was es war, geschweige denn wie ich es erreichen sollte. Also tolerierte ich sie als das scheinbar unveränderbare Grundrauschen meines Lebens und fuhr weiterhin jeden Tag zur Uni, die mir keinen Spaß machte und verlor mich in Büchern und Filmen über die Liebe, von der ich träumte.

Bis zu eben jenem Tag. Ich sitze im Bus Richtung Uni, den Kopf an die Scheibe gelehnt, Musik im Ohr. Ich spüre das monotone Rattern des Motors und ich weiß noch wie ich mit dieser stumpfen Form sarkastischer Bitterkeit denke, dass es wesentlich besser zu meinem Leben passt als die munteren Töne irgendeines Popsongs der aus meinen Kopfhörern dröhnt. Dann klingelt mein Telefon, es ist meine Mutter. Ich weiß nicht mehr warum sie anrief aber ich weiß noch, dass wir eine Weile über belanglose Dinge reden und ich schon auflegen möchte, als sie völlig unvermittelt sagt: „Du musst das nicht machen“. Ich bin verwirrt. „Was meinst du?“, frage ich. „Du musst dieses Studium nicht machen“, sagt sie. Ich lache laut auf. In meinen Ohren hätten ihre Worte nicht absurder klingen können. „Aber ich will es doch“, antworte ich kopfschüttelnd. Woher konnte sie überhaupt wissen, dass ich nicht mehr gerne zur Uni ging? Ich hatte ihr nichts von meinen Zweifeln erzählt. „Außerdem ist es das Beste …“, füge ich hinzu und merke noch während ich die Worte ausspreche, wie unglaubwürdig sie klingen. Ich kann sie beinahe vor mir sehen wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung mit den Schultern zuckt. „Wollt‘ ich einfach nur mal gesagt haben … „ antwortet sie, wir beenden unser Telefonat und noch während ich meinen Kopf zurück gegen die Scheibe sinken lasse, weiß ich, dass ich soeben eine Entscheidung getroffen habe.

Zwei Stationen später steige ich aus dem Bus aus und statt in die Uni gehe ich in die Buchhandlung und kaufe mir ein leeres Notizbuch. „Ich breche mein Studium ab“, schreibe ich auf die erste Seite. „Und finde heraus was ich wirklich will…“ schreibe ich nach kurzem Zögern direkt dahinter. Wenige Monate später ziehe ich zurück in meine Heimatstadt, entscheide mich Fotografin zu werden, obwohl ich mit Fotos noch nie sonderlich viel am Hut hatte, gründe eine WG mit einer Schulfreundin und am Tag unseres Einzugs, stolpert ein Mann in einem lilafarbenen Pullover, beladen mit Unmengen von Pinseln und Abtropfgittern unsere Treppe hinauf um beim Streichen zu helfen. Es ist der Mann, den ich knappe drei Jahre später heiraten werde, der Vater meiner Kinder, meine wahre Liebe von der ich immer geträumt habe. Doch das weiß ich damals noch nicht. Ich weiß nur, dass ich ihn ohne die Worte meiner Mutter wohl nie getroffen hätte.

„Du musst das nicht machen“.

Denn manchmal braucht es eben nur den einen, den richtigen Satz zum richtigen Zeitpunkt dem es gelingt etwas in uns zu berühren, das zuvor niemals berührt wurde. Und dann, ganz langsam beginnt etwas Neues.

 

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2 Comments
  • Avatar
    Hanna
    Posted at 12:56h, 31 March Reply

    Wundervoll geschrieben

    • Inga
      Inga
      Posted at 13:06h, 31 March Reply

      Ich danke dir – freut mich total, dass er dir gefallen hat :).

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