Inga Hanka | Der Kuss der mein Leben veränderte.
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Der Kuss der mein Leben veränderte.

Oder: Von der Konstante des eigenen Opfertums.

„Er sollte mich jetzt küssen.“ Es ist ein Donnerstagabend, kurz vor zehn und ich weiß gar nicht mehr genau warum ich von diesem Mann geküsst werden will, der mich nach einem mittelmäßigen ersten Treffen vor zwei Wochen heute zu sich nach Hause eingeladen hat. Wahrscheinlich einfach um es hinter mich zu bringen. Dieser ganze Abend, dieses Essen mit Spaghetti Bolognese, zwei Gläsern Rotwein und einem Teelicht auf der weißen Tischdecke mit Lochstickmuster, scheint nach nichts anderem als einem Kuss zu schreien. Es ist die etwas holprige Inszenierung eines klischeehaften Dates und auch wenn ich innerlich weiß, dass ich eigentlich amüsiert sein sollte, möchte ich doch aus irgendeinem Grund lieber Teil dieses Schauspiels bleiben als es zu verlassen. 

Der Mann der mir gegenübersitzt und sich so sehr bemüht einen bilderbuchreifen Abend zu schaffen, dass es beinahe etwas unangenehm ist, heißt Maik. Als ich ihn ein paar Tage vorher am Tresen einer Bar kennengelernt hatte, war mir nicht aufgefallen, dass er ein wenig schielt und beim Reden meist auf seine Hände starrt. Im Grunde kann ich gar nicht mehr sagen ob es mir tatsächlich nicht aufgefallen war, oder ob ich es schlicht nicht hatte bemerken wollen, so begeistert war ich von der Tatsache, dass ich in der Kleinstadt in der ich meine gesamte Jugend verbracht hatte, tatsächlich einen Mann kennenlernte, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. 

Und nun saß ich in der Küche eben jenes Mannes, hatte mir den Bauch vollgeschlagen mit einer mittelmäßigen Portion Nudeln, führe eine mittelmäßige Unterhaltung und war trotz allem nicht bereit den Abend einfach so enden zu lassen.

Möchtest du Musik hören? Als Maik mich das fragt, blickt er mir tatsächlich in die Augen und natürlich stimme ich zu. Als das leise Knistern von Nadel auf Schallplatte erklingt, erinnert mich dieses Geräusch an einen alten Schwarz-weiß Film und für einige, wenige Augenblicke glaube ich tatsächlich dieser Abend könne besser enden als er begonnen hat. Ich glaube daran, bis er sich mit einem Ruck zu mir umdreht, unsere Köpfe unsanft aneinanderstoßen und er mit trockenen, angespannten Lippen meinen Mund sucht. Seine Augen sind zusammengekniffen seine Hände liegen starr an meinen Oberarmen und während ich noch zu perplex bin um der Situation ein Ende zu bereiten, stößt er mich plötzlich unsanft von sich und sagt: Das geht nicht. Wie Recht er hat. So sollte ein Kuss nicht sein. Wir sitzen an den gegenüberliegenden Seiten der Couch, er wagt es nicht mich anzusehen und als plötzlich das Lied zu Ende ist und der Raum sich füllt mit einer undurchdringlichen Stille, fühle ich wie mir die Tränen in die Augenwinkel steigen.

Es ist nicht Maik, es ist nicht der Kuss der keiner war, es ist nicht einmal die unerträgliche Stille die mich die Fassung verlieren lässt. Es ist die Tatsache, dass Maik derjenige ist der meine Illusion zum Platzen bringt, endgültig, das spüre ich.

Ich murmele eine Entschuldigung und stürme hinaus, fühle mich ertappt und schäme mich ein bisschen, auch wenn ich nicht einmal genau weiß warum. Was mir in diesem Moment allerdings klar wird ist Folgendes: Ich bin eher bereit einen mittelmäßigen Abend mit katastrophalen Ende zu einem romantischen Date zu stilisieren, als mir einzugestehen, dass ich schon wieder nicht gefunden habe wonach ich mich so sehr sehne. Ich möchte mich geliebt fühlen, verbunden, angekommen. Stattdessen fühle ich mich abgewiesen, verloren und alleine.

Während ich durch die Nacht laufe, die Hände tief in den Taschen vergraben, das Gesicht zum Boden gesenkt, ist es als würde die klare, klare Luft meinen Kopf einmal so richtig durchpusten und Platz machen für einen Gedanken, den ich mich noch nie zu denken gewagt hatte. „Was ist, wenn ich genau das WILL?“, frage ich mich. „Was ist, wenn ich mich alleine und abgewiesen fühlen WILL?“.

Ich bleibe stehen, als mich die Erkenntnis trifft wie ein bitterer Schlag und ich gleichzeitig nicht umhin komme mir einzugestehen, dass ich es die ganze Zeit gewusst habe: ICH bin diejenige, die keine Beziehung führen will. Ganz alleine ich.

Ich gehe weiter als eine Stimme in meinem Kopf den kläglichen Versuch unternimmt, den Status Quo wieder herzustellen. „Quatsch…, du hast einfach nur Pech. Du gerätst einfach immer an die falschen Männer“, sagt sie, doch noch während ihre Worte in meinem Kopf nachhallen, weiß ich, dass sie falsch liegt.

Ich weiß es einfach, das was ich im Grunde schon immer wusste, aber niemals dazu bereit war es mir in all‘ seiner Konsequenz einzugestehen: Es gibt einen Teil in mir der mit aller Macht verhindern will, dass ich mich tatsächlich auf eine Begegnung einlasse. Es ist eben dieser Teil, der sich kopfüber in jede noch so kleine Möglichkeit einer Beziehung so tief hineinstürzt, dass die Enttäuschung am Ende vorprogrammiert ist. Wieder und wieder schaffe ich mir selbst eben jene Situation vor der ich mich am meisten fürchte, denn nur so kann ich aufrecht erhalten was ich mich als Teenager zu glauben gelehrt hatte: Niemals würde ich es wert sein geliebt zu werden.

Man sollte meinen, dass jeder der schon einmal gefühlt hat was dieser Satz für ihn bedeutet alles dransetzen müsste ihn endlich und vollkommen loszuwerden, aber so ist es nicht. So traurig dieser Glaubenssatz auch klingen mag, so beängstigend ist es ihn aufzugeben, schließlich existiert er nicht ohne Grund. Es ist ein Sinnbild für die verlässliche Konstante des eigenen Opfertums und der sichere Schutz davor sich wirklich und wahrhaftig der Möglichkeit einer erneuten Verletzung stellen zu müssen.

Indem ich mich selbst immer wieder spüren lasse, wie es sich anfühlt abgewiesen zu werden, bewahre ich mich gleichzeitig davor mein Herz wahrhaft öffnen zu müssen. Es ist meine ganz eigene, geschickte Strategie, die mich in Zukunft davor bewahren sollte erneut erleben zu müssen wie Liebe zu Schmerz wird und sie aufzugeben, fühlte sich ungefähr so an wie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen. Und doch sprang ich. Sinnbildlich.

Ich springe an diesem Abend, während ich durch die kalte Nacht nach Hause laufe, weg von Maik, dessen Kuss noch immer starr auf meinen Lippen brennt und mir zum ersten Mal eigenstehe, dass ich noch lange nicht an dem Punkt bin an dem ich so gerne sein würde.

Und dann springe ich wieder, als ich nur wenige Tage später den Entschluss fasse fürs Erste keinen Mann mehr in mein Leben zu lassen und mich stattdessen voll und ganz auf mich zu konzentrieren.

Und dann springe ich wieder und wieder und wieder, in den Wochen und Monaten und Jahren danach. Jedes Mal wenn ich mich für mich selbst und gegen die Illusion entscheide, fühl es sich erneut an als würde ich springen und jedes Mal kommt nach meinem anfänglichen Wehren am Ende die Erleichterung darüber, dass ich es getan habe.

Ich springe und springe und springe und hole mir damit Stück für Stück die Verantwortung für mein eigenes Leben zurück. Und heute kann ich aus vollstem Herzen sagen: „Danke! Danke Maik, für die Spaghetti Bolognese, für die Teelichter auf der weißen Tischdecke mich Lochstickmuster und das kratzende Geräusch von Nadel auf Schallplatte. Dank für diesen einen Kuss. Er hat mein Leben verändert – wenn auch auf ganz andere Weise als ich sie mir je hätte denken können.“

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1 Comment
  • Inga Hanka | Schreibe deine eigene Geschichte.
    Posted at 10:11h, 12 May Reply

    […] eines Tages – es war auf dem Rückweg von einem katastrophalen Date – begann ich mir ernsthaft die Frage zu stellen: Warum? Warum, zum Teufel befand ich mich immer […]

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